Mit einem Entnahmeplan zahlst du dir aus einem angesparten Vermögen regelmäßig einen festen Betrag aus, zum Beispiel als Ergänzung zur Rente. Die zentrale Frage lautet: Wie viel kannst du entnehmen, ohne dass das Geld zu früh aufgebraucht ist? Hier lernst du die 4-%-Regel kennen, den Unterschied zwischen Kapitalverzehr und Kapitalerhalt und die Risiken, die jede Rechnung begleiten.
So funktioniert ein Entnahmeplan
Dein Vermögen bleibt angelegt, etwa in einem ETF-Depot oder auf einem Zinskonto. Jeden Monat entnimmst du einen Betrag. Das restliche Geld arbeitet weiter und bringt Erträge. Wie lange das Vermögen reicht, hängt von drei Größen ab:
- Höhe des Vermögens
- Höhe der Entnahme
- Rendite auf das verbleibende Kapital
Je höher die Rendite und je niedriger die Entnahme, desto länger reicht das Geld. Liegt die Entnahme unter den laufenden Erträgen, bleibt das Vermögen sogar dauerhaft erhalten.
Kapitalverzehr oder Kapitalerhalt
Beim Kapitalverzehr brauchst du das Vermögen planmäßig auf. Am Ende der geplanten Laufzeit ist das Depot leer. Das ermöglicht höhere Entnahmen, birgt aber das Risiko, dass du länger lebst als das Geld reicht.
Beim Kapitalerhalt entnimmst du nur die Erträge. Das Vermögen bleibt nominal gleich und kann vererbt werden. Die monatliche Auszahlung fällt dafür deutlich kleiner aus.
Tabelle: Wie lange reichen 300.000 €?
Die folgende Tabelle zeigt, wie viele Jahre 300.000 € bei festen monatlichen Entnahmen reichen. Annahmen: Entnahme zum Monatsanfang, jährliche Gutschrift der Erträge, konstante Rendite, keine Steuern und Kosten, keine Anpassung an die Inflation.
| Monatliche Entnahme | 0 % Rendite | 3 % Rendite | 5 % Rendite |
|---|---|---|---|
| 1.000 € | 25,0 Jahre | 45,3 Jahre | dauerhaft |
| 1.250 € | 20,0 Jahre | 30,2 Jahre | 74,5 Jahre |
| 1.500 € | 16,7 Jahre | 22,8 Jahre | 34,2 Jahre |
| 2.000 € | 12,5 Jahre | 15,5 Jahre | 19,2 Jahre |
| 2.500 € | 10,0 Jahre | 11,8 Jahre | 13,6 Jahre |
Zwei Dinge fallen auf. Erstens macht die Rendite bei niedrigen Entnahmen einen gewaltigen Unterschied. Zweitens hilft sie bei hohen Entnahmen kaum noch: Bei 2.500 € im Monat verlängern 5 % Rendite die Laufzeit gerade einmal um 3,6 Jahre.
Beispiel: Welche Entnahme erhält das Kapital?
Soll das Vermögen nominal unverändert bleiben, darfst du bei den oben genannten Annahmen folgende Beträge entnehmen:
| Rendite | Monatliche Entnahme bei Kapitalerhalt |
|---|---|
| 3 % | 738,01 € |
| 4 % | 978,79 € |
| 5 % | 1.217,04 € |
Die Werte liegen etwas unter Vermögen · Rendite / 12, weil du zum Monatsanfang entnimmst und das entnommene Geld nicht mehr für den Rest des Jahres verzinst wird.
Die 4-%-Regel
Die 4-%-Regel ist eine bekannte Faustregel für den Ruhestand. Sie besagt: Du entnimmst im ersten Jahr 4 % deines Startvermögens. In den folgenden Jahren passt du den Betrag an die Inflation an, unabhängig davon, wie sich das Depot entwickelt.
Umgekehrt ergibt sich daraus eine einfache Rechnung für das nötige Vermögen: jährlicher Bedarf · 25. Willst du 1.000 € im Monat entnehmen, also 12.000 € im Jahr, brauchst du nach der Regel 300.000 €.
Woher die Regel kommt
Die Idee geht auf den US-Finanzplaner William Bengen zurück, der 1994 historische Marktdaten auswertete. Bekannt wurde sie vor allem durch die sogenannte Trinity-Studie von 1998, benannt nach der Trinity University in Texas. Die Autoren untersuchten, wie oft ein Depot aus US-Aktien und US-Anleihen bei verschiedenen Entnahmeraten über 15 bis 30 Jahre gereicht hätte. Grundlage waren Marktdaten ab 1926.
Das Ergebnis: Bei einer inflationsangepassten Entnahme von 4 % und einem Depot mit mindestens der Hälfte Aktien hat das Geld in den allermeisten historischen 30-Jahres-Zeiträumen gereicht. Bei höheren Entnahmeraten sank die Erfolgsquote deutlich.
Was die Regel nicht berücksichtigt
Die Trinity-Studie ist eine Auswertung der Vergangenheit, keine Prognose. Für Anleger in Deutschland kommen weitere Einschränkungen hinzu:
- US-Daten. Der US-Aktienmarkt hat sich im 20. Jahrhundert besonders gut entwickelt. Andere Märkte schnitten schwächer ab.
- Keine Steuern und Kosten. Abgeltungssteuer, Fondskosten und Depotgebühren schmälern die Rendite. Mehr dazu in den Artikeln Steuern auf Kapitalerträge und Fondskosten.
- 30 Jahre. Wer mit 55 in den Ruhestand geht, braucht womöglich 40 Jahre oder länger.
Viele Planer rechnen deshalb für lange Laufzeiten vorsichtiger mit 3 bis 3,5 %.
Beispiel: 4-%-Regel mit konstanter Rendite
300.000 € Startvermögen, 1.000 € Entnahme im Monat, jedes Jahr um 2 % Inflation erhöht. Bei gleichbleibender Rendite reicht das Geld so lange:
| Rendite pro Jahr | Das Vermögen reicht | Restvermögen nach 30 Jahren |
|---|---|---|
| 3 % | 28,9 Jahre | 0 € |
| 4 % | 34,6 Jahre | 95.181 € |
| 5 % | 45,2 Jahre | 265.152 € |
| 6 % | 89,8 Jahre | 505.070 € |
Das Risiko der Renditereihenfolge
Mit einer konstanten Rendite zu rechnen, ist bequem, aber unrealistisch. In der Praxis schwanken Aktienkurse stark. Beim Entnahmeplan ist dabei nicht nur die Durchschnittsrendite entscheidend, sondern auch die Reihenfolge der guten und schlechten Jahre.
Beispiel: Crash am Anfang oder am Ende
Wieder 300.000 €, 1.000 € im Monat mit 2 % jährlicher Erhöhung. In 28 von 30 Jahren bringt das Depot 7 %, in zwei Jahren verliert es jeweils 20 %. Die Durchschnittsrendite ist in beiden Fällen identisch, rund 4,9 % pro Jahr.
- Crash in den ersten zwei Jahren: Nach zwei Jahren sind nur noch 172.526 € übrig. Das Vermögen ist nach knapp 25 Jahren aufgebraucht.
- Crash in den letzten zwei Jahren: Nach 30 Jahren sind trotz Crash noch 460.249 € vorhanden.
Der Grund: Fällt der Markt früh, musst du für dieselbe Entnahme mehr Anteile verkaufen. Diese Anteile fehlen später, wenn die Kurse wieder steigen. Dieses Risiko nennt man Sequence-of-Returns-Risiko.
Wie du das Risiko verringern kannst
- Liquiditätspuffer. Ein Betrag für ein bis drei Jahre Entnahmen auf dem Tagesgeldkonto erspart dir Verkäufe in einem Tief.
- Flexible Entnahme. Wer in schlechten Jahren etwas weniger entnimmt, erhöht die Chance deutlich, dass das Geld reicht.
- Mischung. Ein Anteil schwankungsärmerer Anlagen dämpft Verluste, senkt aber meist auch die erwartete Rendite.
Renditen sind nie garantiert. Plane deshalb mit mehreren Szenarien und überprüfe deinen Entnahmeplan regelmäßig.
Inflation nicht vergessen
Eine feste Entnahme von 1.000 € verliert jedes Jahr an Kaufkraft. Bei 2 % Inflation entsprechen 1.000 € nach 20 Jahren nur noch rund 673 € in heutigem Geld. Für einen Ruhestand über Jahrzehnte solltest du die Entnahme deshalb dynamisch planen. Mehr dazu im Artikel Inflation und Kaufkraft.
So rechnest du deinen Plan durch
Im Entnahmeplan-Rechner gibst du Vermögen, Entnahme, Rendite und Laufzeit ein und siehst, wie lange dein Geld reicht und welche Entnahme dein Kapital erhält. Wenn du noch in der Ansparphase bist, hilft dir der Sparziel-Rechner herauszufinden, welche Sparrate du für dein Zielvermögen brauchst.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ist keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung.